Der Sprechcoach
Für Lehrpersonen: Was der Sprechcoach in einem Gespräch tut, warum er anknüpft statt zu spiegeln, warum er nachfragt statt zu korrigieren, warum jedes Gespräch eine Aufgabe hat und dieselbe Aufgabe zweimal kommt, was gemessen wird, und worauf das beruht. Die Kurzfassung einer Recherche über die Didaktik der mündlichen Gesprächsführung (Oktober 2026, 102 Quellen).
1. Ein Gesprächspartner, kein Prüfer
Der Sprechcoach ist ein Gesprächspartner, der Ihre Schülerinnen und Schüler zum Sprechen bringt, kein Prüfer. Er stellt Fragen, auf die er die Antwort nicht kennt, und knüpft mit seiner nächsten Frage an das an, was das Kind gerade gesagt hat, statt das Thema zu wechseln. Nach jeder Frage wartet er einige Sekunden, weil Kinder in einer Fremdsprache Zeit brauchen und längere Antworten geben, wenn niemand dazwischenredet. Er spricht selbst kurz, langsam und mit Wörtern, die das Kind kennt, damit das Kind den größeren Teil des Gesprächs bestreitet.
2. Nachfragen statt korrigieren
Wenn etwas unklar oder ungenau ist, fragt er nach, wie es ein echter Gesprächspartner täte („Wait, was that today or yesterday?“), und gibt dem Kind die Gelegenheit, es noch einmal besser zu sagen. Fehler zählt er nicht und bewertet sie nicht; er greift höchstens einen Punkt pro Antwort auf und verwendet die richtige Form in seiner nächsten Frage, damit das Kind sie hört und gleich selbst benutzen kann. Fehlt ein Wort, sagt er es kurz vor und lässt das Gespräch weiterlaufen.
Er lobt nicht pauschal, sondern reagiert auf den Inhalt, weil ständiges „Super!“ Kinder nicht weiterbringt und sogar als Bewertung erlebt werden kann. Zeigt ein Kind Unsicherheit, etwa durch sehr kurze Antworten oder lange Pausen, wird der Coach einfacher und ruhiger und korrigiert vorerst gar nicht.
3. Was er versteht und was nicht
In einer Englischstunde tut der Coach, als verstünde er kein Deutsch. Spricht ein Kind Deutsch, sagt er auf Englisch, dass er es leider nicht versteht – die älteste Methode des Sprachunterrichts. Damit niemand feststeckt, gibt es den stillen Knopf „Ich komme nicht weiter“: eine deutsche Erklärung, was der Coach gerade wissen will, und ein Beispielsatz auf Englisch. Der Coach selbst bleibt dabei englisch.
4. Eine Aufgabe statt Plaudern
Jedes Gespräch hat ein Ziel: etwas herausfinden, vereinbaren oder entscheiden. Der Coach spielt eine Rolle – eine Tierärztin, einen Austauschschüler, eine Lehrerin im Schulausschuss – und weiß Dinge, die das Kind erfragen muss. Er verrät sie nicht von selbst. Danach tauschen die beiden die Rollen, und der Coach fragt das Kind.
Das ist der am besten belegte Teil der ganzen Recherche. In der größten Übersicht über Gesprächssysteme fürs Sprachenlernen wirken geführte Gespräche mit Ziel stark (d = 0,97), aufgabenorientierte mittel (0,50), freies Plaudern gar nicht nachweisbar (Bibauw et al. 2022). Aufgaben, bei denen beide Seiten Informationen haben und am Ende zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen müssen, lösen mehr Nachfragen und Klärungen aus als ein Meinungsaustausch (Pica et al. 1993). Und weil von zehnjährigen Kindern nach vier Jahren Englisch zwar fast alle antworten, aber nur die Hälfte Fragen stellen kann (Szpotowicz 2012), muss in der Aufgabe das Kind fragen.
Zur Wahl stehen derzeit:
- Beim Tierarzt: ein Tier kennenlernen (A1, Alltagsgespräch, Volksschule, 1. Klasse Sek I): Finde heraus: Was für ein Tier ist es, wie heißt es, und wie alt ist es?
- Am Jausenstand einkaufen (A1, Alltagsgespräch, Volksschule, 1. Klasse Sek I): Kauf etwas zu essen und etwas zu trinken, und finde heraus, was es kostet.
- Eine Einladung zum Geburtstag (A1, A2, Alltagsgespräch, Volksschule, Sek I): Finde heraus: An welchem Tag ist die Feier, um wie viel Uhr, und wo?
- Nach dem Weg fragen (A2, Alltagsgespräch, Sek I (E8 Short Dialogue)): Finde heraus, wie du zum Museum kommst und wie lange es dauert.
- Was war am Wochenende? (A2, Alltagsgespräch, Sek I): Finde heraus, wo Sam am Wochenende war, wer dabei war und wie es war.
- Ein Treffen vereinbaren (A2, B1, Alltagsgespräch, Sek I, 4. Klasse (E8 Short Dialogue)): Vereinbart einen Tag, eine Uhrzeit und etwas, das ihr gemeinsam unternehmt.
- Ein Abschiedsgeschenk aussuchen (B1, Meinungsgespräch, 4. Klasse Sek I, Oberstufe Beginn): Einigt euch auf ein Geschenk für Ms Brown, mit Begründung, und findet heraus, wie viel es kosten darf.
- Wohin geht die Projektwoche? (B1, B2, Meinungsgespräch, Oberstufe (E8 Long Dialogue, Reifeprüfung)): Entscheidet gemeinsam, ob die Projektwoche nach London oder ins Seecamp geht – mit Begründung und mit Blick auf die Kosten.
- Eine Handyregel für die Schule aushandeln (B2, Meinungsgespräch, Oberstufe (Reifeprüfung, Interessenkonflikt)): Handelt eine Handyregel aus, die beide Seiten annehmen können, und nutzt dabei die Ergebnisse der Umfrage.
- Freies Gespräch zum Thema: wie bisher, ohne Ziel und ohne Wiederholung – für Stunden, in denen Sie genau das wollen.
Die Aufgaben folgen den beiden Dialogformen der Bildungsstandards E8 (ein kurzes Alltagsgespräch: Einkauf, Weg, Vereinbarung; ein längeres Meinungsgespräch) und den Beschreibungen des Referenzrahmens für den Informationsaustausch („can ask and answer simple questions about an event – where and when it took place, who was there and what it was like“). Ob das Ziel erreicht ist, entscheidet die Anwendung selbst und nicht das Sprachmodell: Das Kind muss das Ergebnis aussprechen – den Tag, den Ort, den Preis –, und das lässt sich zählen.
5. Der Ablauf: planen, sprechen, noch einmal, zurückschauen
Die Bedingungen, unter denen gesprochen wird, wirken stärker als das Thema (Skehan 2016). Deshalb hat jede Aufgabe denselben Ablauf, und die Anwendung steuert ihn, nicht das Sprachmodell:
- Planen. Eine Minute „think first“: Das Kind sieht sein Ziel und drei bis fünf Wendungen, die helfen. Planung macht das Sprechen flüssiger und reicher (Foster & Skehan 1996; Johnson & Abdi Tabari 2022).
- Gespräch. Das Kind fragt, der Coach antwortet nur auf das, wonach gefragt wurde. Ist das Ziel erreicht, tauschen sie die Rollen.
- Noch einmal. Dieselbe Aufgabe gleich danach, der Coach in leicht anderer Rolle, das Geheimnis dasselbe. Beim zweiten Mal sprechen Kinder flüssiger und genauer (Sun & Révész 2021; Abdi Tabari et al. 2025).
- Rückblick. Zwei bis drei Punkte: eine Wendung, die gut war, und eine, die noch nicht saß, mit der richtigen Form – deutsch erklärt, englisch gezeigt, ohne Note. Ausführliche Rückmeldung gehört ans Ende, nicht in das Gespräch (Park et al. 2025). Dieselben Punkte sehen Sie in der Sitzungsansicht.
In der Volksschule ist alles kürzer (höchstens sechs Beiträge je Durchgang statt zehn), Ziel und Wendungen stehen groß da, und der Rückblick zeigt nur Gelungenes und einen einzigen Punkt zum Weiterüben – ohne den ursprünglichen Satz des Kindes daneben. Ein Kind darf jederzeit aufhören; dann kommt gleich der Rückblick.
6. Was Sie einstellen, und was Sie sehen
Sie bestimmen Niveau, Aufgabe und Zeitfenster. Das Niveau (A1 bis B2) legt fest, wie lang die Sätze des Coachs sein dürfen und wie er fragt: Auf A1 wiederholt er langsam und fragt mit zwei Möglichkeiten, auf A2 hält er das Gespräch in Gang, auf B1 verlangt er Meinung und Begründung, auf B2 widerspricht er auch. Angeboten werden nur Aufgaben, die zum Niveau passen.
In der Sitzungsansicht steht je Kind eine ruhige Zahlenzeile, ohne Farbe und ohne Urteil. Es sind die Maße, die die Forschung selbst verwendet:
- Wörter je Beitrag – echte Fragen verdoppeln die Antwortlänge (Brock 1986).
- Anteil erweiterter Beiträge – mehr als ein Satz oder mindestens 8 Wörter; anknüpfende Gesprächsführung verdreifacht sie (Alexander et al. 2017).
- Fragen des Kindes – die Fähigkeit, die bei Zehnjährigen am meisten fehlt (Szpotowicz 2012).
- Sperren – wie oft der Coach „nicht verstanden“ hat, weil Deutsch gesprochen wurde.
- Dauer und Ziel erreicht, für den ersten und den zweiten Durchgang.
- Erster gegen zweiter Durchgang – Fortschritt zeigt sich über Wiederholungen, nicht innerhalb eines Gesprächs (Skehan). Weniger Wörter beim zweiten Mal können auch heißen: genauer.
In der Volksschule sehen Sie keine Zahlen je Kind, nur die Summe der Klasse – keine Niveauzuordnung, keine Beurteilung (Lehrplan Volksschule; BMBWF: keine mündlichen Prüfungen). Die Rückblickpunkte je Kind sehen Sie trotzdem, denn sie sind keine Zahl.
7. Woran wir das festmachen
Diese Dinge prüft die Anwendung selbst, nicht das Sprachmodell: ob die Antwort des Coachs an den letzten Beitrag anknüpft, ob sie die richtige Zahl Fragen stellt, ob sie spiegelt oder pauschal lobt, und in der Aufgabe, ob der Coach sein Geheimnis zu früh verrät. Verstößt eine Antwort dagegen, wird sie ein zweites Mal geholt. Auch wann das Ziel erreicht ist und wann das Gespräch in die nächste Phase geht, entscheidet die Anwendung. Das ist derselbe Grundsatz wie bei der Aufgabenhilfe: Ein Systemprompt ist eine Bitte, keine Grenze.
Die Regeln stammen aus der Forschung zur Gesprächsführung im Fremdsprachenunterricht: Anknüpfende Folgezüge verdreifachen erweiterte Schülerbeiträge (Alexander et al. 2017); echte Fragen erzeugen mehr als doppelt so lange Antworten wie Prüffragen (Brock 1986); Nachfragen, die den zweiten Versuch einfordern, wirken stärker als beiläufige Korrektur, und bei jüngeren Lernenden am stärksten (Lyster & Saito 2010; Ammar & Spada 2006); KI-Gesprächspartner wirken auf A1 und A2 am stärksten, wenn sie führen und kurz bleiben (Bibauw et al. 2022). Der österreichische Lehrplan verlangt dasselbe: Gelungene Kommunikation hat Vorrang vor fehlerfreiem Sprachgebrauch.
Was noch nicht belegt ist, sagen wir dazu: Für Kinder unter zehn Jahren mit einem KI-Partner gibt es keine Studie. Ob der Coach bei ihnen wirkt, zeigt erst das eigene Protokoll – Wörter je Beitrag, Anteil längerer Beiträge, Fragen, Durchhaltedauer, erster gegen zweiter Durchgang. Das messen wir. Noch nicht gemessen wird, wie oft ein Kind nach einer Nachfrage seinen Satz verbessert (modifizierter Output); dafür müsste die Anwendung erkennen, auf welchen Satz sich eine Nachfrage bezieht.